23 Apr. Übersetzer an der Schnittstelle Werkstoff, Fertigung und Konstruktion
Übersetzer an der Schnittstelle Werkstoff, Fertigung und Konstruktion
Gleich zwei Jubiläen stehen dieses und das kommende Jahr an: 1997 hat Peter Langenberg ein Ingenieurbüro für Werkstofftechnik gegründet. Dies geschah aus der Überzeugung heraus, dass Stahlanwender einen Sparringspartner brauchen, der Werkstoff, Konstruktion und Fertigung zusammendenkt. Vor zehn Jahren wurde daraus die IWT Solutions AG. Im Interview erklärt er, was diesen Dreiklang ausmacht, welche Projekte ihn geprägt haben und warum Normenarbeit mehr ist als Bürokratie.
Peter, was hat dich 1997 bewogen, dein eigenes Büro zu gründen?
Nach meinem Studium der Hüttenkunde und meiner Promotion war ich sechs Jahre lang unmittelbar an der Schnittstelle zwischen Stahlanwendern und Stahlherstellern tätig. Dort habe ich immer wieder denselben Bedarf gesehen: Die Anwender verstehen den Werkstoff Stahl nicht tief genug, um seine Möglichkeiten wirklich auszuschöpfen. Werkstoff, Konstruktion und Fertigung hängen untrennbar zusammen. Wer nur auf eines davon schaut, versteht das Problem oft nicht.
Dann habe ich den Schweißfachingenieur gemacht. Damit war für mich klar: Dieser Dreiklang ist die Grundlage meiner Arbeit und eines Beratungsangebots, das es in dieser Form nicht gab. Seitdem leisten wir Übersetzungsarbeit an dieser Schnittstelle für unsere Kunden.
Was macht diese „Übersetzungsarbeit“ aus?
Wenn zum Beispiel Risse in einer Brücke oder einer Windenergieanlage auftreten, müssen wir vom Kunden zunächst verstehen: Wie ist die Anlage konstruktiv ausgelegt? Welche schweißtechnischen Prozesse wurden angewendet? Welche Qualitätssicherung gibt es? Und dann erst: Welcher Werkstoff wurde verbaut?
Wenn man diese Informationen zusammenführt, nähert man sich der eigentlichen Komplexität des Problems. Werkstoff allein, Konstruktion allein oder Fertigung allein reichen fast nie. Es gibt immer Wechselwirkungen.
Was dabei oft unterschätzt wird: Das geht nur mit dem Kunden. Deshalb hat unsere Arbeit eine sehr starke kommunikative Komponente. Wir sind Ingenieure, aber vor allem auch Gesprächspartner.
Gibt es Projekte aus eurer Tätigkeit, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
Ein frühes Beispiel war die Arbeit an alten Brücken. Kurz nach der Wiedervereinigung, als viele Bauwerke in Ostdeutschland und Ostberlin neu bewertet werden mussten, war das mein erster direkter Kontakt mit dem Thema Altstahl, das uns bis heute begleitet.
Besonders prägend war Anfang der 2000er-Jahre ein weit verbreitetes Problem mit der Feuerverzinkung von Stahlbauteilen. Es traten systematisch Risse auf, so auch an einem Fußballstadion kurz vor der WM 2006. Gemeinsam mit einem Hochschulinstitut haben wir das Problem isoliert, die Ursachen identifiziert und dann Lösungen erarbeitet, die schließlich in Richtlinien und Normen eingeflossen sind. Das war ein gutes Beispiel dafür, wie aus einem akuten Schadenfall ein dauerhafter Erkenntnisgewinn für die gesamte Branche entsteht.
Eindrücklich ist auch die Arbeit in internationalen Schiedsgerichtsverfahren, zuletzt bei einem großen Wasserkraftwerk in Ecuador. Wenn in solchen Fällen Hersteller und Betreiber über Schäden streiten, ist es unsere Aufgabe, technisch fundiert zu klären, was tatsächlich passiert ist. Das ist anspruchsvolle Arbeit, bei der wirklich alles zusammenkommt.
Was macht eine gute Partnerschaft mit euren Kunden aus?
Der entscheidende Punkt ist: Wir nehmen Verantwortung ab. Wenn der Kunde merkt, dass wir das Problem wirklich verstehen und die Verantwortung für die Analyse und für die Empfehlung übernehmen, dann entsteht offene Kommunikation. Wenn unsere Kunden ihr Wissen und ihre Zwänge mit uns teilen, können wir wirklich helfen.
Wir machen bewusst kein Standard-Engineering. Uns interessieren die komplexen Fälle, also die, bei denen es wirklich auf das Zusammenspiel von Werkstoff, Konstruktion und Fertigung ankommt. Kunden, die uns finden, haben meistens auch genau diese Art von Problem.
Welche Rolle spielt eure Mitwirkung in Normenausschüssen?
Ich sitze persönlich in vier europäischen Normenausschüssen: zwei Werkstoff- und zwei Anwendungsausschüsse im Druckbehälter- und Stahlbaubereich. Das mag nach Bürokratie klingen, ist es aber nicht.
Normen sind keine Gesetze. Man kann immer von ihnen abweichen, wenn man es begründen kann. Wer die Normen mitgestaltet, versteht auch ihre Grenzen und ihre Spielräume. Das ist für unsere Kunden ein echter Vorteil: Wir können Abweichungen nicht nur erkennen, sondern auch bewerten und Türen öffnen, die andere nicht kennen.
Außerdem entsteht durch diese Arbeit ein Netzwerk, das für unsere tägliche Arbeit enorm wertvoll ist. Und wir bleiben am Puls der Zeit. Das ist auch für unsere Kunden wichtig.
Welche Themen werden für das Team in den nächsten Jahren relevanter und wie bereitet ihr euch vor?
Die Themen Retrofit und Re-Use beschäftigen uns intensiv. Das heißt: bestehende Stahlbauwerke ertüchtigen und Stahlbauteile nach dem Rückbau wieder nutzbar machen. Deutschland hat über 6.000 alte Eisenbahnbrücken und auch Straßenbrücken. Die können nicht alle sofort neu gebaut werden. Und das müssen sie auch nicht, wenn man den vorhandenen Stahl richtig einordnet. Das ist unsere Aufgabe, damit Bauingenieure und Fertigungsfirmen die Sanierung umsetzen und Bauteilsicherheit erreichen können.
Und dann arbeiten wir gerade gemeinsam mit Partnern an neuen mobilen Methoden: zerstörungsfreie Materialidentifikation direkt am Bauwerk, digitale Mikroskopie für das Stahlgefüge, mobile Spannungs-Dehnungs-Messungen. Das Ziel ist, dass wir, bevor eine Ausschreibung läuft, vor Ort und in Echtzeit fundierte Aussagen treffen können, ohne dass das Bauwerk geschädigt wird.
Für unsere Kunden hat das klare Vorteile: Wer vor der Ausschreibung weiß, was im Bauwerk steckt, kann das in der Planung berücksichtigen. Das spart Kosten und vermeidet Überraschungen auf der Baustelle.
Das Thema Wasserstoff kommt hinzu. Wasserstoff führt in Stahl zu Versprödungen. Das klingt bedrohlich, aber es gibt Regeln, die dies verhindern. Wir haben uns die letzten vier Jahre ausführlich damit beschäftigt, arbeiten in der Normungsroadmap Wasserstoff und dem Europäischen Normenentwurf für druckführende Komponenten mit und können Kunden heute schon Orientierung geben, bevor die abschließenden Standards feststehen.
Nicht zu vergessen ist auch unsere langjährige Expertise, für die Lebensdauerverlängerung bestehender Bauwerke mit Hilfe von Bruchmechanik- und Maintenance-Konzepten Lösungen anzubieten. Diese Fragestellung gibt es in vielen historische gewachsenen Industriebereichen wie Chemie, Energie und Metallerstellung. Sie spielen aber auch im Bereich der Offshore-Windanlangen eine zunehmende Rolle.

Dr. Peter Langenberg